Die Tuntensitzung (Jens)
Dass es sich bei der Tuntensitzung der Garde der Garstigen nicht um eine traditionelle Karnevalssitzung handelt, dürfte den meisten klar sein. Und genauso war es auch: Eine überschaubare Gruppe von Darsteller*innen in ausdrucksstarken Kostümen zeigte eindrucksvoll, wie alternativer KarnevalAlternativer Karneval wurde 1984 geboren, als die Stunker – im Gegensatz zu Prunkern mit ihren Sitzungen – auf der Studiobühne in der Alten Mensa Köln den Rest der Welt, den traditionellen Karneval und die katholische Kirche aufs Korn nahmen. Mittlerweile gibt es viele derartige Veranstaltungen, die schon längst nicht mehr nur „alternativ“ sind. More aussehen kann.
Doch fangen wir ganz vorne an: Wer ist eigentlich die Garde der Garstigen? Gegründet wurde sie 2023 und präsentiert seitdem queere Bühnenkunst in Köln und darüber hinaus. Die Mitglieder bezeichnen sich selbst als Tunten, wohlwissend, dass dieser Begriff bis heute häufig als Beleidigung verwendet wird. Genau dem setzen sie etwas entgegen: Sie tragen das Wort mit erhobenem Haupt und stolz geschwellter Brust. Das Tuntentum lässt sich bis ins späte 19. beziehungsweise frühe 20. Jahrhundert zurückverfolgen. Es steht für eine politische, queer-aktivistische Identität, die gesellschaftliche Normen infrage stellt und mit Provokation auf queer-feministische sowie andere gesellschaftliche Themen aufmerksam macht. Kein Wunder also, dass man sich im Theater der Filmdose, dem Veranstaltungsort der Tuntensitzung, zeitweise wie mitten in einer kleinen Revolution fühlte. Bereits im vergangenen Jahr feierte die Tuntensitzung ihre Premiere – mit so großem Erfolg, dass in diesem Jahr direkt drei Termine angesetzt wurden. Alle restlos ausverkauft. 
Am Eingang erhält jede*r Besucher*in einen Bierdeckel, der praktischerweise an einem Schlüsselband um den Hals hängt. So geht er garantiert nicht verloren. Im Theater herrscht freie Platzwahl: Ob am Tisch oder lieber auf der Fensterbank, für jede*n ist etwas dabei, und die Sicht ist von überall gut. Auch kulinarisch wird einiges geboten: Von Frikadellen bis Lasagne ist für den kleinen und großen Hunger gesorgt. Das Publikum zeigt sich dabei so bunt wie die Veranstaltung selbst – jung und alt, kostümiert oder in Alltagskleidung, alles ist vertreten und ausdrücklich willkommen.

Auch wenn die Tuntensitzung wenig mit einer klassischen Karnevalssitzung gemein hat, finden sich immer wieder Bezüge zu dem, was den Kölner Karnevalkommt von „Carne vale! Fleisch, lebe wohl!“und bringt den Charakter des Festes als Freudenfest vor der langen Fastenzeit zum Ausdruck bringt. More ausmacht. Mitsingen gehörte schon immer dazu – und damit das auch textsicher gelingt, liegen auf den Tischen Liederhefte aus. Die bekannten Melodien klassischer Karnevalslieder wurden neu betextet: Aus „Dicke Mädchen“ wird kurzerhand „Dicke Bären“, aus „Polka Polka Polka“ „Schwuchtel, Tucke, Tunte“. Auch Songs von queeren Ikonen wie Lana Del Rey oder Britney Spears wurden umgedichtet.
Die Texte sind teils derb und sehr direkt, dabei aber stets humorvoll. So wird etwa das Thema männliche Vorsorge musikalisch aufgegriffen, enttabuisiert und locker vermittelt. Gleichzeitig singt ein Amerikaner auf Kölsch vom bunte „Köllefornia“. Wenn das keine gelebte Vielfalt ist – was dann?
Aktiv wurde das Publikum bei einer Scharade: Vier Zuschauer*innen spielten auf der Bühne um Gratis-Kölsch. Begriffe wie „Affengeil“ sorgten für viele Lacher. Auch die kostümierten Gäste kamen nicht zu kurz.

Der Preis für das beste Kostüm ging an eine „lodernde Flamme“. Natürlich ebenfalls belohnt mit einem Kölsch.
Durch den Abend führten die beiden Tunten Bibi Sexuell und Yvonne Profen. Mit ihrer offenen, sympathischen Art eroberten sie die Bühne im Sturm. Zwei Gesichter, die man hoffentlich noch oft sehen wird.

Nach einer kurzen Pause folgte der Einzug aller Darsteller*innen: Einmal quer durch den Saal zu „Viva Colonia“ – diesmal im Originaltext – zurück auf die Bühne, gefolgt vom nahtlosen Übergang zu Kylie Minogues „Your Disco Needs You“ inklusive erstaunlich synchroner Tanzeinlage. Passender hätte der Übergang für eine queere Sitzungist eine Karnevalsveranstaltung zwischen der Proklamation und Karnevalsdienstag mit einem bunt gemischten Bühnenprogramm: Tanzgruppen und Korpsgesellschaften ziehen in den Saal und präsentieren ihre Tanzkünste, Büttenredner widmen sich mit Witz und Ironie den großen und kleinen Themen der Welt und kölsche Musiker reißen das Publikum von den Stühlen. Highlights sind der Einzug des Dreigestirns und die Ansprache des Prinzen an sein „Narrenvolk“. More kaum sein können.
Auch in der zweiten Hälfte war Mitmachen ausdrücklich erwünscht. Als aus den Lautsprechern Marita Köllner zur Polonäse aufforderte, bildete sich eine lange Schlange, die Einblicke hinter die Theke und sogar hinter die Bühne ermöglichte. Glaubt mir: Backstage haben die Tunten nicht viel Platz. Kaum hatte sich das Publikum beruhigt, wurde es erneut in Bewegung gebracht. Es folgte ein externer Showact: Ebendrum, eine Schlagzeuggruppe, die mit ordentlich Lautstärke für großartige Stimmung sorgte. Verkleidet als Pussy Riot, mit Sturmhauben maskiert, schloss sich hier der Kreis zur eingangs erwähnten kleinen Revolution.

Fotos: @Jens Schnakenberg













