35 Jahre Geisterzug Köln: bunt, schrill, politisch (Sarah)

Seit nun 35 Jahren gehört der Geisterzug Köln zum Kölner Karneval und macht auf das aufmerksam, was meist unsichtbar bleibt. Am Samstag, den 7. Februar, dem Samstag vor Weiberfastnacht, zog er durch die Nippeser Straßen und setzte lautstark ein Zeichen gegen die Kölner Wohnungspolitik mit dem Motto „Allerhüchste Zick för en andre Wunnungspolitik! Mer könne nit all im Dom schlofe!“

Entstanden ist der Geisterzug als politischer Protest Anfang der 1990er-Jahre und versteht sich bis heute als alternative Form des Karnevals. Jedes Jahr wählen die Organisatorinnen und Organisatoren ein anderes Motto, für das sie Sichtbarkeit schaffen wollen. Die Teilnahme am Zug ist offen und kostenlos, Menschen, die spontan mitgehen möchten, sind herzlich willkommen. Im Gegensatz zum Rosenmontagszug und den Veedelszöch gibt es keine Festwagen und kein Wurfmaterial. Wer sich für nachhaltiges Wurfmaterial interessiert, sollte unbedingt den Beitrag zu unserem Minibuch „Pänz feiern jeck – ganz ohne Dreck“ lesen.

Um 18 Uhr luden die Organisatorinnen und Organisatoren zur Formierung ein. Nach und nach füllte sich die Josefine-Clouth-Straße mit Teilnehmenden und Zuschauenden. Die Polizei sicherte den Zugweg und sperrte die Straßen des Zugweges.

An der Spitze des Zuges reihte sich die Zugführung ein, die restlichen Jecken fügten sich dort ein, wo ein Platz frei war. Auch ohne starre Ordnung, Abzählen oder Durchorganisieren funktionierte die Einteilung sehr gut. Die Musikgruppen verteilten sich gleichmäßig, sodass die Teilnehmenden stets von Trommeln, Blasinstrumenten oder Ziehharmonikas umgeben waren.

Mit dabei waren unter anderem Ruhrcollective, Kwaggawerk, Los Brillantos, Ebendrum Group, Aramcao Sambar und Ribombo. Die Trommel- und Blasgruppen heizten mit ihren Samba-Rhythmen ordentlich ein. Klassische Karnevalsmusik spielte keine Rolle. Viele Teilnehmende brachten eigene Instrumente mit oder improvisierten – und machten ordentlich Radau.

Das Schlusslicht bildete die AWB Köln, die mit ihrer Fläschbäck-Aktion für saubere Straßen nach dem Zug sorgte. Die Idee dahinter: Flaschen werden während des Zugs direkt abgegeben, sodass nichts am Straßenrand zurückbleibt.


Für das 35-jährige Jubiläum wurde in diesem Jahr eine besondere Strecke gewählt. Der Zug führte durch Nippes und endete bewusst in Odonien, wo im Anschluss eine Kundgebung sowie das gemeinsame Weiterfeiern stattfinden sollten.

Gegen 19 Uhr setzte sich die Karawane langsam in Richtung Niehler Straße in Bewegung. Nach anfänglichen Verzögerungen ging es schließlich fließend durch die Gneisenaustraße in Richtung Blücherstraße.

Der Blick von dort auf die Neusser Straße war einmalig. Zuschauende klatschten, feierten und musizierten gemeinsam mit den Teilnehmenden. Auch auf dem Schillplatz hatte sich eine Musikgruppe zusammengefunden und sorgte für gute Stimmung.

Weiter ging es zum Marktplatz, vorbei an der Marienkirche, auf deren Vorplatz sich ebenfalls einige Jecken versammelt hatten. Auch hier wurde musiziert, mit großen Trommeln und guter Laune. Von dort aus führte der Zug ins Sechzigviertel, auf die Hartwichstraße, bis es schließlich zu einem längeren Stopp unter der Brücke der S-Bahn-Station Nippes kam.

Hier gaben die Musikerinnen und Musiker noch einmal alles. Die Menschen ließen sich mitreißen: Es wurde getanzt, gehüpft und gelacht – und das in einer besonderen Kulisse. Die S-Bahn-Brücke erstrahlte in einem intensiven Türkis, die Party verlagerte sich kurzerhand auf die Straße.

Wer danach noch mehr wollte, konnte in Odonien, wo der Zug sein Ziel erreichte, weiterfeiern. Der beliebte Kulturort verband die After-Zoch-Party direkt mit seiner hauseigenen Saisoneröffnung.
Das Motto des diesjährigen Geisterzugs –„Allerhüchste Zick för en andre Wunnungspolitik! Mer könne nit all im Dom schlofe!“ – zog sich wie ein roter Faden durch die Massen. Selbst designte Banner, liebevoll gestaltete Schilder und Plakate begleiteten den Zoch und sorgten für Aufmerksamkeit.

Aufwendige Kostüme und Gesichtsverzierungen, sehr oft selbst gestaltet, waren echte Hingucker und griffen das politische Thema immer wieder auf.

Wohnungsnot, steigende Mietpreise und soziale Ungleichheit wurden in Form von Miethaien, Monstern und Vampiren dargestellt.


Alles war sehr detailreich und zugleich optisch stark durchmischt. Während viele Kostüme eher düster und halloweenesk wirkten, gab es auch Buntes und Verspieltes zu entdecken. Auch hier galt: Jede:r ist willkommen.

Viele Kostümierungen waren beleuchtet, was in der Dunkelheit eine ganz besondere Wirkung entfaltete. Eine klare Trennung zwischen Zug und Publikum war kaum möglich.


Wie jedes Jahr war auch Zero Waste Köln e.V. mit ihrer übergroßen Müllkrake dabei, die von mehreren Personen getragen wurde.

Neben dem Thema Nachhaltigkeit spielte auch der Tierschutz eine Rolle. Obwohl es sich um eine Demonstration handelte, blieb die Stimmung durchgehend friedlich, offen und ausgelassen. Die fehlenden Wagen wurden durch Lastenräder und andere unmotorisierte Fahrzeuge ersetzt – so konnten auch Jecke teilnehmen, die nicht mehr ganz so gut zu Fuß sind.

Was der Geisterzug seit 35 Jahren eindrücklich zeigt, ist, dass politischer Karneval funktioniert und Spaß macht. Inklusion und Sichtbarkeit stehen im Vordergrund. Die Kamelle sind zwar nicht dabei, aber die Liebe zum Projekt und zum Detail allgegenwärtig. Der Geisterzug zeigt, wie viel Herzblut, Kreativität und Haltung in diesem besonderen Zoch stecken. Geisterzug 2027, ich komme – und bin jetzt schon gespannt auf Motto, Kostüme und alles, wofür wir wieder laut werden!

Fotos ©Sarah Gawlik













