Die Premiere von Niccis Interviewreihe „KÖLSCH GEPRÄGT“

Herzlich willkommen zum Auftakt meiner neuen Interview-Reihe „KÖLSCH GEPRÄGT“.

In den kommenden Gesprächen möchte ich euch Menschen vorstellen, die ich persönlich interessant finde und die eine ganz besondere Verbindung zu unserer Domstadt haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie hier ihre ersten Schritte gemacht haben, als „Imis“ ihre neue Heimat fanden oder Köln heute aus der Ferne im Herzen tragen. Ich möchte herausfinden, was dieses berühmte „kölsche Gefühl“ für jeden einzelnen bedeutet. „Kölsch geprägt“ ist eine Reise zu den Wurzeln der Verbundenheit zu Köln.

Den Anfang macht Svenja. Nachdem ich sie schon länger über ihre Social-Media-Kanäle verfolgt habe, konnte ich sie in der vergangenen Session persönlich kennenlernen. Als sie mir für das Gespräch zusagte, war ich richtig happy. Sie ist die perfekte Besetzung für das erste Interview, denn Svenja vermittelt auf beeindruckende Weise, wie tief die Verbundenheit zu einer Stadt sein kann – selbst wenn man sie schon vor Jahren „verlassen“ hat.

Kölsch geprägt mit Svenja

  • Name: Svenja (online bekannt als „mrs.tollpatschig“)
  • Geburtsjahr: 1996 (sie erwähnt, dass die „30 ruft“)
  • Herkunft: Geboren in Köln, spezifisch auf der „Schäl Sick“ Wohnt seit 8 Jahren in Hamburg.
  • Beruf/Tätigkeit: Seit einigen Jahren aktiv im Bereich Social Media tätig und ist Mutter von zwei Kindern.

Svenja, Wenn du an Köln denkst und die Augen schließt, welches Gefühl setzt als Erstes bei dir ein?

Gemeinschaft. Ich glaube, das ist das, was Köln von anderen Städten – und ich wohne ja mittlerweile seit acht Jahren in Hamburg – unterscheidet. Es ist einfach dieses kölsche Lebensgefühl. 

Es gibt Städte, die fordern einen, und Städte, die geben einem etwas. Was tut Köln für dich in deinem aktuellen Leben?

Svenja: Oh, ich glaube, in meinem aktuellen Leben gibt mir Köln sehr, sehr viel. Lustigerweise auch erst, seitdem ich weggezogen bin. Also jetzt das achte Jahr.
Fun Fact: Von Jahr zu Jahr wird mein Kölsch immer ausgeprägter. Das ist total ambivalent. Aber Köln gibt mir dieses Heimatgefühl. Das, wovon alle singen und sprechen. Es ist wirklich so!

Und trotzdem habe ich irgendwie zwei Heimatstädte. Kürzlich erst wurde mir wieder bewusst, wie besonders Hamburg ist. Ich habe eine kleine Hafenrundfahrt gemacht – oder besser gesagt, einfach die Fähre genommen. Es ist faszinierend, dass das, was sich für Besucher wie Urlaub anfühlt, hier bei uns ganz selbstverständlich zum ÖPNV gehört. Hamburg ist wunderschön, aber Köln ist ein Gefühl. Interessant ist übrigens, dass Kölner Hamburg oft als einzige Alternative zur Domstadt als Wohnort sehen. Es gibt nämlich viele Parallelen, etwa die Liebe zum Fußball.

Und gibt es Charaktereigenschaften an dir, die du nur hast, weil du diese Stadt in deinem Leben hast, also Köln?

Svenja: Definitiv. Ich glaube, diese rheinische offene Art. Die ist ja auch das, was mich ausmacht. Ich sage immer rheinische Frohnatur und das lebe ich echt durch und durch. Das ist, so ein Benefit, den wir aus dem Rheinland mitbekommen. Wir sind einfach offener, toleranter und auch ein bisschen lebendiger.

Köln wird ja oft nachgesagt, keine schöne Postkartenstadt zu sein. Aber der Vibe ist gut. Was ist eine Sache in Köln, über die du dich aufregen könntest, die du aber gleichzeitig gegen jeden Kritiker von außerhalb verteidigen würdest?

Schwierige Frage… Ich habe da gerade spontan die Schäl Sick im Kopf. Die wird immer als die „falsche Rheinseite“ bezeichnet, hat aber wirklich schöne Ecken und vor allem den besten Blick auf das Köln Panorama. Ich schmücke mich sogar gerne damit, wenn ich sage: „Ich komme von der Schäl Sick.“

In Köln leben über eine Million Menschen. In welchen Momenten vergisst du das und denkst, dass Köln ein 500-Seelen-Dorf ist?

Svenja: Ich finde, wenn man in der Stadt unterwegs ist, abgesehen von z.B. die Ecke des Hauptbahnhofs etc., fühlt es sich gar nicht so voll und überladen an. Oder halt wenn du im Veedel bist, ne? (lacht)
Wenn du, in deinen Stadtteilen herumtingelst, kommt es einem gar nicht wie eine Großstadt vor. Ich habe früher viel Zeit in Dellbrück verbracht. Da wirkt es bis heute super familiär und wie eine Kleinstadt.

Die Bindung zu einer Stadt definiert sich oft auch über Abwesenheiten. Hattest du schon Momente, wo dein Herz höher geschlagen hat, als du nach längerer Abwesenheit z.B. in Hamburg wieder im Kölner Dunstkreis warst?

Logischerweise zum Karneval und all dem was dazugehört. Oder kölsche Bands live spielen zu sehen oder ich mir ein Konzert anderweitig zu Gemüte führe. Zwar könnte man meinen, dass es Live Konzerte nur in Köln gibt, aber durch die vielen Deutschlandtourneen findet man kölsche Bands mittlerweile natürlich auch in Hamburg.

Ist das für dich ein Unterschied, ob du ein Konzert von einer kölschen Band in Hamburg oder in Köln siehst?

Ja, denn ich finde die Hamburger Konzerte schöner. Allein schon aus dem einfachen Grund, dass es für mich Wohnzimmerkonzerte sind. Die Bands sind halt deutlich nahbarer, greifbarer und es ist einfach noch mal schöner, weil man das Gefühl hat, dass auch die Leute, die vor Ort sind, es mehr wertschätzen und fühlen. Und in so einem kleinen Laden auf dem Kiez gibt mir das ein schönes Gefühl.
Es sind auch echt viele Exil-Kölner dann da! Da hast du dann wieder die Verbundenheit und wir sind wieder beim Thema Gemeinschaftsgefühl. Und so schließt sich der Kreis. (lacht)

Wenn du zum Beispiel im Zug sitzt von Hamburg nach Köln, gab es da eine Situation, die du beschreiben kannst, wo du gefühlt hast: „Jetzt bin ich wieder in Kölle?“ Und kannst du das Gefühl beschreiben?

Spätestens, wenn ich die Spitzen vom Dom sehe, oder? Also das ist für mich eigentlich der Moment, wo ich spüre: Das ist Heimat. Hier bin ich groß geworden. Hier wurden enorm viele Meilensteine gelegt. Hier habe ich mich verliebt, hier habe ich mein erstes Kind bekommen, hier habe ich meine Ausbildung gemacht, hier bin ich erwachsen geworden. Na ja gut, eigentlich primär in Hamburg, aber…so fühlt es sich an! Ich habe ja hier auch meine engsten Freunde kennengelernt. Ich habe tatsächlich eine Notiz in meinem Handy mit einer Liste von Personen, bei denen ich mich melden möchte, damit wir uns treffen können, wenn ich in Kölle bin. Da versuche ich, neben den beruflichen Terminen, Slots für zu blocken.

Wenn du aus Hamburg wegziehen müsstest. Wo würdest du hin? Köln ausgeschlossen!

Ich habe immer gesagt, in meinem zweiten Leben möchte ich ganz gerne Holländerin sein. Weil Holland einfach wunderschön ist.

Die haben einfach alles. Die haben Stadt, die haben Land, die haben Hafen und Strand. Also alles, worauf ich Lust hätte. Auch die holländische Sprache finde ich schön. Aber ich wüsste spontan gar nicht, wo genau dort. Und ansonsten finde ich London ganz toll. Wien finde ich auch wunderschön.

Wenn du nach Holland, ein immaterielles Gefühl mitnehmen könntest, was du aus Köln kennst, welches wäre das?

Die Offenheit, glaube ich. Das wäre es.

Das ist auch das, womit ich ja auch in Hamburg angeknüpft habe. Mir wurde auch schon oft die Frage gestellt: „Svenja, hattest du nicht Probleme in Hamburg? Die Nordlichter sind ja immer so kühl ?“
– Nö, weil mit dieser offenen Art, die ich hoffentlich an den Tag lege, hatte ich noch nie Schwierigkeiten dort. Vielleicht ist das auch eine meiner Fähigkeiten, mit fast allen Menschen klarzukommen. Das ist mein der Türöffner für vieles. Ich habe definitiv keine Ängste auf Menschen zuzugehen. Allerdings war ich früher sehr schüchtern und erst seit der Geburt meiner Tochter wurde ich selbstbewusster. Klar, auch ich habe mit einigen Dingen zu kämpfen, gerade was Selbstsicherheit anbelangt. Aber dieses Standing, die Schnauze aufzumachen, das habe ich wirklich erst, seitdem ich Mama bin.

Dann kommen wir doch mal jetzt zu dem schönsten Thema – der Kölner Karneval. Wie stehst du zum Karneval? 

Es ist für mich ein schönes Ereignis im Jahr, worauf ich mich freue. Vor allem die Musik! Das ist halt ein Ding, was hier in der Kölner Kultur verankert ist. Und das fehlt natürlich, wenn man nicht hier wohnt. Dieser kulturelle Aspekt liegt mir sehr am Herzen, und ich möchte ihn auch meinen Kindern mit auf den Weg geben. Es ist manchmal schade, dass ich ihnen das hier nicht so authentisch vermitteln kann. In Köln würden sie ganz anders damit aufwachsen, da das Brauchtum dort bereits in der Schule gelebt wird. Auch beruflich ist es ja für mich mittlerweile ein immer größer der Punkt in meinem Leben. Also ich verbinde sehr viel mittlerweile mit Karneval.

Hast du manchmal das Gefühl, während du Karneval feierst, egal in welcher Form, dass du anders losgelassen bist, als wenn du jetzt sonst feiern gehst? 

Ich sage direkt nein, und das hat folgenden Hintergrund: Ich bin keine Partymaus. Auch wenn das so aussieht! (lacht) Das muss ich echt mal sagen. Aber wenn ich es fühle, dann fühle ich es, und das mit jeder Zelle meines Körpers. Vor allem die Musik, das ist es!

Hattest du im Karneval schon Momente, wo das Gefühl da war, das gibt es nirgendwo sonst, und kannst du so einen Moment explizit beschreiben?

Es gab einen Moment… Das muss 2019 gewesen sein. Zu dem Zeitpunkt war ich ja schon anderthalb Jahre aus Köln weggezogen und wir waren in der Lanxess Arena. Da stand ein Freund neben mir, der mittlerweile in Wuppertal lebt, und meinte: „Ey Svenja, schau mal, das hast du nur in Köln!“
Ich weiß nicht mehr, wer da gerade gespielt hat, aber alle standen schunkelnd im Kessel und das war so ein Moment, wo ich sage: „Stimmt, das hast du nur in Köln!“ Einen weiteren Moment hatte ich letztes Jahr Rosenmontag, also Session 2025. Da bin ich in irgendeiner Kneipe gelandet und ich hatte zu dem Zeitpunkt (ehrlicher Weise) auch schon ein paar Kölsch getrunken. Und dann stand ich da irgendwann zwischen all den Leuten und dachte: „Alle haben sich im Arm, alle singen – das werde ich in Hamburg so nicht erleben!“ Mir kamen Freudentränen. Das war ein Moment, wo ich dachte, ich komme irgendwann zurück. Ein Zweitwohnsitz klingt auch heute noch perfekt für mich. 

Hattest du im Karneval denn auch schon mal einen Moment, wo du gemerkt hast, dass hier soziale Brücken gebaut werden? 

Ich komme von der Schäl Sick, aus Holweide. Das ist nicht Müngersdorf oder Junkersdorf. Das heißt, da spürst du schon einen gewissen Unterschied vom Publikum her. Als Jugendliche gab es deshalb Keine Überschneidungspunkte, weil ich meistens in meinem Veedel geblieben bin und mit den anderen nichts zu tun haben wollte. (lacht)
Als ich älter wurde, habe ich gemerkt, dass diese Umstände zwischen verschiedenen sozialen Schichten im Karneval total egal sind! Da habe ich gelernt: Das ist sogar etwas, wofür der Karneval steht. 

Nun eine der schwierigsten Fragen wie ich finde: Wenn du dem Karneval einen Menschen erklären müsstest, der sich gar nichts darunter vorstellen kann… Wie?

Ist ja nicht so, dass ich es schon mal versucht habe, anderen Leuten zu erklären. (lacht)
Das ist für mich die größte Challenge. Aber ich kürze es ab mit „Du musst es einfach erlebt haben.“
Und dann wird es kompliziert:
 Du musst wissen, wie du es erlebst, weil da gibt es natürlich Unterschiede. Also wie ich persönlich den Karneval erleben möchte. Ich möchte nicht am 11.11. hinten am Alter Markt stehen und mir den nächsten Feigling zu Gemüte führen. Das ist für mich kein Karneval. Sage ich ganz ehrlich! Aber wenn ich erzählt habe, dass ich im Rosenmontagszug mitlaufe, dafür nicht wenig Geld bezahle, um fremden Menschen Kamelle und Strüßjer zuzuwerfen, versteht das auch keiner von Außerhalb. Oder die Bands! Ich meine, wo ist es üblich, dass Bands von Location zu Location fahren in einem strengen Zeitplan, um an mehreren Orten in Köln für die Leute zu spielen?  Das ist doch total absurd! Und dabei haben auch noch alle Kostüme an, von Jung bis Alt, von Bankkaufmann bis über weiß ich nicht. Das kannst du niemandem erklären.  Man muss es erleben und dann wirst du angefixt. Und alle die sagen: „Na ja, mit Karneval kann ich nichts anfangen.“, die sind vermutlich auf der Zülpicher gelandet. Ein Ort wo für mich klar ist, dass ich dort nicht feiern würde. Klar kann man auch auf den Ringen feiern, wenn man das möchte, dass wäre nur nicht meine Art des Feierns.

Der kölsche Frohsinn oder das kölsche Lebensgefühl, wenn du das jemandem erklären möchtest, hättest du da eine Beschreibung für? Unabhängig von der Session.

Irgendwie komme ich immer wieder aufs Gleiche:
Gemeinschaft, Leidenschaft, Offenheit.
Das sind die Dinge, die damit einspielen. Und was sich ebenfalls durch ganz Köln zieht, ist eine große Grenze an Toleranz. Also ich habe z.B. als Kind nie hinterfragt, warum sich Mann und Mann, oder Frau und Frau küssen. Für mich war das per se normal. Ich behandle alle Menschen gleich. Und das sind generell Werte, die in Köln extrem vertreten werden. Dadurch gibt es kaum Berührungsängste. Diese Werte und die Leidenschaft für die Stadt, wurden uns in Wiege gelegt und werden von z.B. „Imis“ schnell übernommen. So kann man den typischen Kölschen beschreiben.

Fotos ©Nicole Haumann