Darf Satire „Alles“? (Stefan)
Sonntag Abend im Comedia Theater: Deutschland hatte sein erstes Spiel bei der diesjährigen Fußball-WM und im Saal diskutierten Jürgen Becker und Jaques Tilly im Rahmen der phil.COLOGNE über die Grenzen der Satire. Kommt da überhaupt jemand? Ja sischer dat: Im Garten zelebrierten die Fans public viewing und der Saal war mehr als gut gefüllt mit engagierten Zuhörern. Die politischen Karrikaturen Jaques Tilly’s und der trockene Humor Jürgen Becker’s hatten genügend Strahlkraft, einen interessanten und unterhaltsamen Abend zu erwarten.

Aufmerksamkeit aller Orten!

Hat Satire Grenzen?
Vor ein paar Monaten wurde der Wagenbauer des Düsseldorfer Rosenmontagszugs, Jaques Tilly, von einem Moskauer Gericht zu achteinhalb Jahren Straflager verurteilt. Wofür die Strafe? Für seine politischen Karrikaturen. Womit er, so das Gericht, die religiösen Gefühle und den Präsidenten Russlands, Wladimir Putin persönlich, in unerträglicher Weise verunglimpft habe.
Die phil.COLOGNE nahm diesen Urteilspruch zum Anlass, mit den beiden über Tucholsky’s berühmten Spruch: „Was darf Satire? Alles!“ zu diskutieren. Sarah Brasack vom Kölner Stadtanzeiger moderierte die Veranstaltung und gab Becker und Tilly genügend Raum, ihren persönlichen Begriff von Satire und deren Grenzen zu entfalten.

Satire kann Konsequenzen haben!
Interessant zu Anfang war die Info über die Auswirkungen des Urteils für Tilly. Ja Moskau ist weit und unter Putin führe er sowieso nicht hin. Also, was soll’s? Keinesweg ist es aber so einfach. Viele Länder haben mit Russland ein Auslieferungsabkommen und wenn man erst einmal auf einer Interpol-Liste steht, sollte man die Situation nicht auf die leichte Schulter nehmen. Da ist selbst eine Reise nach Australien mit Zwischenlandung in Dubai schnell ein schwer kalkulierbares Risiko.

Tilly trägt’s mit Fassung, Westeuropa biete ihm genügend Möglichkeiten zu interessanten Orten zu reisen. Überhaupt sei das Urteil, so Tilly, vor allem darauf ausgerichtet, Angst zu verbreiten. Nicht nur bei ihm persönlich. Nein, das betreffe praktisch alle. Man solle sich, so der Gedanke hinter dem Urteilsspruch, in Zukunft gut überlegen, was man über einen Herrscher wie Putin in der Öffentlichkeit verbreitet. In Russland sei man das seit vielen Jahren gewohnt, hier bei uns, so Tilly und Becker, „noch“ nicht.

Die Angst der Autokraten
Becker wies darauf hin, dass die Moskauer Verurteilung Methode habe. Satire spiele mit Bildern und erreiche damit die Menschen unmittelbar. Wenn sie den Kern des Problems treffe, könnten die Menschen lachen und lachende Menschen hätten keine Angst. Offenbar sei Lachen etwas, so Becker, das für Menschrechtsfeide aller Art gefährlich sei. Zeige es doch den Autokraten, dass ihr Herrschaftsmittel Angst durchaus Grenzen habe. Insofern sei der Moskauer Prozess auch ein Prozess gegen unliebsame Bilder, so Becker.

Tillys Wagen auf internationalen Titelseiten
Mancher mag sich fragen, inwieweit die Wagen des Düsseldorfer Rosenmontagszugs in Moskau eine solche Rolle gespielt haben. Tilly erzählte, nicht ohne Stolz, dass zum Beispiel Zeitungen wie die Washington Post oder deren Pendants in Indien oder Südamerika Bilder seiner Wagen auf den jeweiligen Titelseiten abgebildet hätten. Offenbar hatte er mitunter mit seinen Karrikaturen auf etwas verwiesen, dass Menschen weltweit beschäftigte.

Darf Satire wirklich alles?
Aber, darf Satire denn nun alles? Für Becker ist die Frage klar zu beantworten: Naturkatastrophen oder menschliche Gebrechen gehen nicht! Auch sehe er heute seine Aufgabe anders als noch zu Beginn seiner Karriere. Früher habe er den Staat gegeißelt, weil er oft an den Menschen vorbei agiert oder auch nicht agiert habe. Heute sei eher ein Wandel vom „gegen“ zum „für“ notwendig. Becker sieht den Staat, der heute die Freiheit der Meinungsäußerung garantiere, in seinen Grundfesten bedroht. Wir müssen uns, so Becker, von der Attitüde verabschieden, eigentlich gegen die Gesellschaft zu sein. „Jetzt müssen wir sie verteidigen. Ich möchte gerne, dass wir diesen Rechtsstaat und diese freiheitliche Gesellschaft, die wir haben und die das, was Jacques Tilly macht, ermöglicht, dass wir diesen Schatz bewahren.“

Für Tilly ist die Frage: „Was geht-was geht nicht?“ immer ein neues Gefühl. Es komme für ihn darauf an zu zeigen, was die Menschen fühlen. Provokation als Selbstzweck sei langweilig, es müsse schon um etwas gehen. Tilly sieht Satire klar als wertebasiert, als Ausdruck einer Haltung, aber nicht als „Geschmackspolizei“. Für ihn bestehe der Sinn nicht darin, 95 Jahre zu werden, sondern das „Richtige“ zu tun. „Ich muss das in die Bilder gießen, was die Menschen mehrheitlich fühlen. Das ist ja mein Service, den ich mache. Die Leute müssen ihr Handy zücken, die müssen die Wagen fotografieren. Das ist der Sinn dieser Wagen, dass sie mehrheitlich akzeptiert werden.Und wenn das nicht mehr so ist, dann kann ich ja nicht mehr bauen. Also wenn irgendwann die Mehrheit in Deutschland tatsächlich ins Rechtsextreme kippt, die AfD die absolute Mehrheit bekommt und ich einfach sehe, dass ich für die Mehrheit nicht mehr bauen kann, dann kann ich meine Arbeit nicht mehr machen“.

Die Moderatorin wünschte zum Schluss der Veranstaltung, dass dieser Zeitpunkt noch lange nicht kommen möge und das Publikum unterstützte sie dabei mit lang anhaltendem Applaus.
Bildnachweis: Alle Fotos ©BKB












