Festkomitee-Präsident Lutz Schade über die Zukunft des Kölner Karnevals (Brigitte)

„Morje es, wat Do drus mähs“ – das Motto der Session 2027 könnte kaum besser zum Amtsantritt von Lutz Schade passen. Noch keine hundert Tage ist er als Präsident des Festkomitees Kölner Karneval im Amt, doch nach vier Jahren als Vizepräsident kennt er die Herausforderungen des organisierten Karnevals sehr genau. Gleichzeitig möchte er eigene Akzente setzen und dabei den Blick konsequent nach vorne richten.

Mit offenen Armen empfangen

Was ihn in den ersten Wochen besonders beeindruckt hat, ist die enorme Wertschätzung, die dem Karneval in Köln und weit über die Stadt hinaus entgegengebracht wird. Überall in der Stadt werde er mit offenen Armen empfangen. Für Schade zeigt das, welchen Stellenwert der Karneval in der Stadtgesellschaft besitzt. Gleichzeitig sei ihm erst jetzt bewusst geworden, wie vielfältig und umfangreich die Aufgaben des Präsidenten tatsächlich seien.

Mehr als ein Dachverband

Für Schade ist das Festkomitee mehr als die Interessenvertretung seiner Mitgliedsgesellschaften. Karneval sei ein wichtiger Teil der Kölner Identität und müsse als gesellschaftliche Kraft verstanden werden.

„Der Karneval ist die Fortsetzung der kölschen Lebensart in der Session“, beschreibt er seine Sichtweise. Das Besondere am Kölner Fastelovend lasse sich dabei mit drei zentralen Werten beschreiben: Frohsinn – das besondere Jecksein, das im Rheinland anders ist als woanders, Miteinander und gemeinsames Erleben und als drittens Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit.

Gerade dieses Selbstbewusstsein sei wichtig. Der Karneval müsse weiterhin eine Stimme in der Stadtgesellschaft bleiben, Haltung zeigen und Entwicklungen kritisch begleiten. „Der Karneval darf auch den Spiegel vorhalten“, macht Schade deutlich.

ALAAF 2040 – die Zukunft beginnt heute

Eine zentrale Rolle spielt für den neuen Präsidenten der Strategieprozess „ALAAF 2040“. Dahinter steht die Frage, wie der Kölner Karneval in fünfzehn Jahren aussehen solle – und welche Weichen dafür heute gestellt werden müssten.

Besonders beschäftigt ihn dabei die Generation der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Während Kinder über Schulen, Vereine und Tanzgruppen früh an den Karneval herangeführt werden, entsteht im Teenageralter häufig eine Lücke. Viele junge Menschen verlieren den Kontakt zum organisierten Karneval und finden erst Jahre später – wenn überhaupt – wieder zurück.

Schade möchte deshalb neue Zugänge schaffen. Dabei gehe es nicht darum, Jugendliche und junge Menschen möglichst früh auf klassische Sitzungen zu bringen, sondern ihnen zeitgemäße und bezahlbare Angebote zu machen. Bestehende Initiativen der Gesellschaften sollten sichtbarer werden, neue Formate entwickelt und Kooperationen mit der Universität, der Handwerkskammer und anderen Institutionen aufgebaut werden.

„Wir dürfen nicht davon abhängig sein, dass Karneval nur noch innerhalb von Familien weitergegeben wird“, betont er.

Ehrenamt neu denken

Eng verbunden mit dieser Frage ist die Zukunft des Ehrenamts. Auch hier beobachtet Schade einen Wandel. Die Bereitschaft, sich zu engagieren, sei durchaus vorhanden. Was sich verändert habe, seien die Erwartungen.

Junge Menschen seien heute flexibler, wechselten häufiger Wohnorte, Berufe oder Lebensmodelle. Die klassische Vereinsbiografie mit jahrzehntelanger Tätigkeit in derselben Funktion werde seltener.

Für die Karnevalsgesellschaften bedeutet das, neue Formen des Engagements zuzulassen. Kurzfristige Projekte, flexible Aufgaben und moderne Strukturen könnten helfen, junge Menschen dauerhaft einzubinden.

Brauchtum bezahlbar halten

Mit Sorge blickt Schade auf die wirtschaftlichen Entwicklungen. Steigende Kosten treffen sowohl die Gesellschaften als auch die Besucherinnen und Besucher von Veranstaltungen. Besonders kleinere Vereine gerieten zunehmend unter Druck. Eine einfache Lösung sieht Schade nicht. Umso wichtiger sei es, kreative und niedrigschwellige Angebote zu entwickeln, damit Karneval auch künftig für alle zugänglich bleibe und nicht ausschließlich von großen kommerziellen Veranstaltungen geprägt werde.

Die Veedel brauchen Unterstützung

Eine besondere Herausforderung stellen die steigenden Sicherheitsanforderungen für Veedelszüge und den Straßenkarneval dar. Zusätzliche Auflagen führen vielerorts zu erheblichen Mehrkosten. In anderen Städten mussten bereits Umzüge abgesagt werden. Das Festkomitee möchte hier stärker unterstützen. Mit der Erfahrung aus der Organisation des Rosenmontagszuges würden Vereine unabhängig von ihrer Mitgliedschaft im Festkomitee beraten und bei Sicherheitsfragen begleitet. Die Workshops stünden allen offen. Dabei gehe es auch darum, zwischen notwendigen Maßnahmen und überzogenen Anforderungen zu unterscheiden.

Zwischen Brauchtum und Eventkultur

Eine der spannendsten Diskussionen betrifft die Frage, wo Karneval aufhört und Eventkultur beginnt. Für Lutz Schade zeichnet sich bereits heute ein klares Bild ab: Die große Mehrheit der Jecken verbindet den Karneval mit der Zeit zwischen dem 11. November und Aschermittwoch – die Adventszeit ausgenommen. Dieses Ergebnis habe sich auch im Strategieprozess „ALAAF 2040“ deutlich gezeigt. Mehrere tausend Bürgerinnen und Bürger sowie zahlreiche Karnevalisten wurden dazu in Zusammenarbeit mit der Rheinischen Hochschule befragt.

Für das Festkomitee bedeutet das, künftig noch genauer hinzuschauen. Karneval soll wieder stärker als saisonales Brauchtum wahrgenommen werden. So bleibt das Fest etwas besonderes und wird nicht beliebig.

Deswegen soll die Uniformordnung für Gesellschaften strikter ausgelegt werden. Schade spricht sich dafür aus, karnevalistische Symbole und Traditionen bewusster einzusetzen und die Unterschiede zwischen Vereinsleben, Kölscher Kultur und Karneval klarer herauszuarbeiten.

Gleichzeitig sieht er kein Problem darin, dass kölsche Musik das ganze Jahr über gespielt wird. Bands wie Kasalla, Cat Ballou oder die Höhner transportierten weit mehr als Karneval. Sie stünden für ein kölsches Lebensgefühl, das Menschen weit über Köln und den Karneval hinaus begeistert. „Kölsch ist mehr als Karneval – der Karneval ist ein Teil davon“, fasst Schade zusammen. Gerade diese Strahlkraft zeige, wie lebendig die Kölsche Kultur geblieben ist. Die Herausforderung bestehe darin, auch künftig die Balance zwischen gelebtem Brauchtum und kommerzieller Eventkultur zu bewahren.

Nachhaltigkeit als Zukunftsaufgabe

Auch beim Thema Nachhaltigkeit sieht der neue Festkomitee-Präsident Handlungsbedarf. Dabei gehe es längst nicht nur um die Diskussion über Wurfmaterial. Vielmehr müsse Nachhaltigkeit ganzheitlich gedacht werden.

Ein Schwerpunkt liegt auf der Qualität statt Quantität beim Kamellewerfen. Hochwertigeres Wurfmaterial werde von den Jecken eher aufgehoben und seltener achtlos liegen gelassen. Gleichzeitig beobachtet Schade bereits einen Trend zu geringeren Mengen und bewussterem Einsatz von Ressourcen. Wirf nur das, was du selbst essen würdest, ist eine alte karnevalistische Weisheit, die heute aktueller denn je erscheine.

Darüber hinaus gehe es um umweltfreundlichere Zugfahrzeuge, die Vermeidung von Abfällen und einen nachhaltigeren Umgang mit Kostümen. Second-Hand-Angebote, Tauschbörsen und langlebige Verkleidungen seien aus seiner Sicht wichtige Bausteine. Wegwerfprodukte hätten im Karneval der Zukunft immer weniger Platz.

Gemeinschaft als Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel

Die gesellschaftlichen Veränderungen machen auch vor dem Karneval nicht halt. Viele Menschen binden sich heute weniger langfristig an Vereine, Engagement erfolgt häufiger projektbezogen und spontaner als früher. Gleichzeitig nimmt die gesellschaftliche Polarisierung zu.

Für Schade liegt genau darin eine große Chance des Karnevals. Karnevalsgesellschaften seien Orte echter Begegnung und persönlicher Gemeinschaft – etwas, das in einer zunehmend digitalen Welt wieder an Bedeutung gewönne. Während soziale Netzwerke oft Distanz schafften, ermögliche das Vereinsleben unmittelbare Erlebnisse und echte Verbundenheit.

Allerdings zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Gesellschaften. Große Traditionskorps profitieren häufig von hoher Sichtbarkeit und starken Marken. Kleinere und mittlere Gesellschaften benötigen dagegen mehr Unterstützung, insbesondere bei Kommunikation, Nachwuchsgewinnung und Social Media. Das Festkomitee will deshalb seine Beratungs- und Weiterbildungsangebote weiter ausbauen, damit die Vielfalt der Kölner Karnevalslandschaft erhalten bleibt.

Digitalisierung und KI: Hilfsmittel statt Ersatz

Beim Thema Künstliche Intelligenz bleibt Lutz Schade gelassen. Für ihn steht fest: Karneval lebt vom persönlichen Miteinander. Schunkeln, Singen, Lachen und Feiern ließen sich nicht digital ersetzen. Die besondere Atmosphäre einer Sitzung, eines Veedelszugs oder des Rosenmontagszugs entstehe durch Menschen, nicht durch Algorithmen.

Dennoch sieht er Chancen in neuen Technologien, etwa in Verwaltung und Organisation. Dort könnten Prozesse vereinfacht und Ressourcen effizienter genutzt werden. Digitalisierung könne unterstützen, organisieren und kommunizieren – den Karneval selbst werde sie aber nicht ersetzen.

Karneval bleibt Gemeinschaft

Ob Jugendförderung, Ehrenamt, Straßenkarneval oder gesellschaftlicher Wandel – letztlich führt für Lutz Schade alles zu einer zentralen Frage zurück: Wie bleibt das besondere Gemeinschaftsgefühl des Kölner Karnevals erhalten?

Seine Antwort ist klar. Der Karneval müsse weiterhin Menschen zusammenbringen – unabhängig von Alter, Herkunft oder sozialem Hintergrund. Genau darin liege seine größte Stärke.

Oder, um es mit dem Sessionsmotto zu sagen: 

Die Zukunft des Fastelovends entsteht nicht irgendwann. Sie beginnt heute – mit dem, was jeder Einzelne daraus macht.

Zur Person

Lutz Schade lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Bergisch Gladbach-Bensberg und arbeitet als Rechtsanwalt mit den Schwerpunkten Gesellschafts- und Steuerrecht. Seit 2009 engagiert er sich bei den Blaue Funken, zunächst als Schriftführer, später als Senatspräsident. Im Herbst 2022 wurde er Vizepräsident des Festkomitee Kölner Karneval, im März 2026 schließlich als Nachfolger von Christoph Kuckelkorn zum Präsidenten gewählt.

 

Fotos © BKB (Porträts), Vera Drewke (in Uniform)