Narri Narro – Jeckes Treiben auf Schwäbisch (Daniela)

Narri Narro? Eigentlich dreht sich dieser Blog hier ja rund um das jecke Treiben in Köln. Seit ich vor drei Jahren nach Köln zog, sind der Kölsche Karneval und alles was dazu gehört für mich ein wichtiger Bestandteil der Stadt. Köln ohne Karneval? Für mich undenkbar! Nun bin ich ja aber gar kein gebürtiger Jeck. Ursprünglich stamme ich aus Ulm – mitten im Schwobaländle. Auch dort gibt es Karneval, es werden Kostüme getragen und es wird ordentlich gefeiert. Aber wir nennen es Fasnet oder Fastnacht. Und auch ansonsten hat die schwäbisch-alemannische Fasnet noch sehr viel mehr Traditionen und Bräuche, die man in Köln nicht kennt und natürlich ebenso andersherum.

In diesem Jahr war ich nach fast zehn Jahren das erste Mal wieder auf der Fastnacht unterwegs und habe meinen Kölner Freund mit mir nach Schwaben entführt. Das Schöne für euch: Ich nehme euch heute virtuell ebenfalls mit und möchte euch allerhand zeigen und erzählen, was ich ihm erklärt habe. Denn Fastnacht ist zwar anders und für einen Kölner beim ersten Besuch sehr erklärungsbedürftig, aber es ist auch sehr schön und ich persönlich mag es sehr!

Narrensprünge in Ulm: Eine völlig andere Welt

Wir waren zu Besuch auf dem großen Ulmer Narrensprung, der auch „Ulmzug“ genannt wird. Wie bereits gesagt: Bei uns in Schwaben ist vieles anders. Es beginnt schon damit, dass wir nur Zutritt zum Narrensprung bekommen, wenn wir zuvor eine Umzugsplakette kaufen. Diese ist unsere Eintrittskarte für das Spektakel. Gleichzeitig erhalten wir auch ein Heftchen mit der Zuginformation zur Reihenfolge der Zünfte. Denn in Schwaben macht man es sich nicht so einfach wie in Köln. Wo beim Rosenmontagszug einfach jede Fußgruppe „Kölle Alaaf“ ruft, hat in Schwaben fast jede Zunft ihren eigenen Ruf, der etwas mit dem Namen oder der Herkunft der Figuren zu tun hat. Diese findet man in dem Heftchen zum Zug.

Wer keinen eigenen Ruf hat, bei dem rufen die Narren „Narri Narro“. Ansonsten gibt es da aber allerhand kreative und schwäbische Wortkreationen. Der Ruf der Ulmer Narrenzunft ist zum Beispiel „Zong – Raus“ also auf hochdeutsch „Zunge raus“. Es gibt aber noch andere schöne Rufe, wie „Wald – Hutzla“ (runzelige, alte Frau im Wald), Bettl – Hexa (Bettelhexen), Otterswanger – Groddafanger (Grottenfänger aus Otterswang) oder ganze Sätze, wie: Hondr’s gsea – D’r Schalk isch’s gwea (Habt ihr’s gesehen? Der Schalk ist’s gewesen!).

Narrensprung in Ulm. Selbst die kleinsten werden auch erschreckt.Narrensprung in Ulm. Die Narren tun sich zusammen.

Hästräger: Von Hexen, Geistern und Narren

Und damit kommen wir auch schon zum Kern: Zentraler Bestandteil eines Narrensprungs sind die Narrenzünfte. Diese bestehen aus Hästrägergruppen, die sich wiederum aus einer oder mehreren Figurenarten zusammensetzen. „Hästräger“ sind die verkleideten Narren. Ein „Häs“ ist ein traditionelles Kostüm, das meist aus einer großen, schweren Holzmaske und entsprechender Bekleidung zur dargestellten Figur besteht.

Die Anzahl schwäbisch-alemannischer Fastnachtsfiguren ist unglaublich groß und unmöglich überschaubar. Sie stellen regionale, historische Figuren dar. Häufig gibt es: Hexen, Teufel, Geister, Bauern, Narren, Tiere und unterschiedlichste Sagengestalten. Innerhalb einer Hästrägergruppe kommt es auch häufig vor, dass verschiedene Figurenarten miteinander interagieren. Aus meiner Heimat stammt so zum Beispiel die Zunft der „Egginger Esel“. Dabei gibt es logischerweise die Figur des Esels, aber auch die Figur des Buschtle – ein Eseltreiber. Die Treiber sind häufig ausgestattet mit Peitschen oder führen die Esel am Seil. Diese Kombination gibt es zudem noch mit anderen Tieren wie Bären, Schafen, Wölfen und allerhand anderem Getier, die dann wiederum von anderen Figuren gehütet oder gejagt werden.

Neben den Hästrägern ist einer der größten Unterschiede zum Kölner Karneval, dass es keine großen Mottowagen gibt. Narrensprünge bestehen zum Großteil aus „Fußvolk“, das hin und wieder Leiterwagen oder andere kleine Gefährte für Konfetti und Süßigkeiten mit sich zieht.

Narrensprung in Ulm. Auf der Straße geht es heiß her.

Obacht: Pass auf, welcher Narr gerade vor dir steht!

Kommen wir wieder zu den Rufen der Zünfte. Mein Freund merkte schnell, dass es ein wichtiger Bestandteil ist, die richtigen Rufe für die Zunft parat zu haben, die gerade vor einem steht. Hexen, Geister und sonstige Gestalten nehmen es damit nämlich ziemlich ernst. Wirst du angesprochen, musst du gefälligst richtig antworten können. Ansonsten wird man gerne mit Konfetti eingeseift, mit Kohle im Gesicht eingerieben oder sogar mal ein Stück mitgetragen. Die Narren haben einen riesigen Spaß dabei, die Zuschauer am Wegesrand zu ärgern, und freuen sich, wenn man ihnen laut schallend ihren Ruf zurück ruft.

Und was ist nu mit de Pänz? Natürlich gibt es auch in Schwaben Kamelle. Aber: Hier musste ich selbst wirklich grinsen, weil es irgendwie auch zum Klischee der Schwaben passt. Während in Köln mit vollen Händen Kamelle in die Menge geworfen wird, muss man als Kind auf einem Narrensprung in Ulm etwas geduldiger sein. Auch diese Mal konnte ich es wieder beobachten: Kinder bekommen häufig eine Süßigkeit in die Hand gedrückt und müssen dafür zuvor allerhand Schalk und Spaß mitmachen. Wichtig ist natürlich auch hier der Narrenruf, der erwidert werden sollte. Eltern und Umstehende unterstützen die Kinder natürlich dabei. 😊 Kinder, die mit ganzen Tüten voller Süßigkeiten nach Hause gehen, gibt es hier selten. Aber ich persönlich empfinde es so, dass es vollkommen ausreicht.

Narrensprung in Ulm. Die Blaskapelle spielt ihre Musik zum Narrensprung.

Musik: Guggenmusik vs. Kölsch Tön

Last but not least sind Guggenmusik, Fanfaren- und Trommlerkorps ein wichtiger Bestandteil jedes Umzugs in Ulm. Sie lockern den Zug zwischendurch mit Musik auf und die Narren haben Spaß zur Musik durch die Straßen zu ziehen. Auch die Zuschauer feiern und freuen sich über die Musik.

Eines muss ich aber sagen: Abseits der Guggenmusik der Narrensprünge kann ich der Fasnets-Musik im Süden leider nicht viel abgewinnen. Auf Faschingspartys läuft meist Schlager oder Aprés Ski. Eine eigene Musikrichtung, so wie wir sie in Köln haben, gibt es in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht nicht. Das hat mir bei all dem Spaß in Ulm dann doch ein wenig gefehlt!

Fasnet vs. Karneval – Der Versuch eines Fazits

Und? Wie war es nun für den Kölner? Wie war es für mich nach all der Zeit? Mein Freund hatte sehr viel Spaß und fand es spannend in diese ganz andere Welt einzutauchen. Fasnet in Schwaben macht Spaß, aber ist doch sehr anders als in Köln. Oberflächlich betrachtet verkleiden sich die Menschen überall und es wird getrunken und gefeiert. Aber damit hört es auch schon auf. In den Traditionen, Figuren und Bräuchen unterscheidet sich Ulm schon sehr stark vom rheinländischen Karneval in Köln. Wenn ihr mal Gelegenheit dazu habt, solltet ihr euch das auf jeden Fall mal ansehen und erleben.

Ich persönlich liebe es inzwischen in beiden Traditionen zuhause zu sein. Es ist wie auch sonst: Egal ob alte oder neue Heimat: Ich liebe beides und beide Traditionen sind mir ans Herz gewachsen. Doch so schön es auch auf dem Narrensprung war, Weiberfastnacht und Rosenmontag bin ich in Köln! Denn: Rut un wiess wie lieb ich dich!