KFD – Jungbrunnen Karneval (Christina Kirsch)

Auf dem Weg zur Sitzung der KFD Rath-Heumar muss ich erstmal schnell googeln, was das eigentlich bedeutet, KFD? Katholische Frauengemeinschaft Deutschland, na, das klingt ja nach einem vielversprechenden, spritzigen Nachmittag!

Mein Mann Holger Kirsch, Mitglied im Vorstand des Festkomitee Kölner Karneval, hat mich gebeten über den Nachmittag zu berichten, denn die katholischen Frauen Deutschland wissen nicht, dass sie das Festkomitee Kölner Karneval für ihre herausragende Arbeit heute mit einem Besuch des Kölner Dreigestirns ehren will. 

Vier KFD-Sitzungen ausverkauft

Am frühen Nachmittag beginnt die erste der insgesamt vier Sitzungen, die der harte Kern von Rather Frauen rund um Präsidentin Christel Prause, 82 Jahre, jedes Jahr auf die Beine stellt. Zu den Gästen zählen überwiegend Rather Senioren, der Altersdurchschnitt liegt deutlich über 66. „Ihre Karte, bitte!“, stoppt mich eine Eskimo-Dame im fortgeschrittenen Alter. Äh, genau genommen habe ich keine Karte. „Dann müssen Sie gehen, Liebelein, wir sind ausverkauft, die ganze Woche!“  

Nur Mut! 

Im Treppenhaus des Pfarrsaals Rath-Heumar wirbelt mir aufgeregt die Oma der besten Freundin meiner Tochter entgegen. Pilar Lehmann führt mich in den Keller des Gebäudes. In der improvisierten Garderobe herrscht ein hektisches und buntes Treiben. An der Wand hängt ein minutiöser Ablaufplan der Sitzung, seitlich türmen sich bunte Kostüme und Perücken auf Kleiderstangen und die Mitte bildet ein eindeutig selbst gemachtes Buffet. Jeder bringt etwas mit.

 

„Sektchen?“, stupst mich eine Frau im Karoanzug an, „Wir müssen uns noch ein wenig Mut antrinken, aber dann sind wir richtig gut!“  Die Generalprobe ist gründlich schief gegangen. In einer Ecke wird noch Text gelernt, denn eine der Hauptakteurinnen liegt mit Grippe im Bett. Die Präsidentin bekommt noch passend zum Pailettenoberteil pinke Lippen, die sie persönlich viel zu grell findet. Ich finde, sie kann es wirklich tragen!

Ich muss an die Ömchen bei mir zuhause im Sauerland denken. Da wäre das Pink wirklich undenkbar. Da gibt es gefühlt nur eine Farbe von November bis Februar. Ein trauriges Grau. Hier hat sich gefühlt ganz Rath auf die nicht mehr ganz jungen Beine gemacht. „Die Karten gehen zuerst an unsere 360 Mitglieder, dann bekommt jede der Akteurinnen eine für ihren Mann oder Familie. Mehr ist nicht drin. Vier Vorstellungen à 90 Karten werden verkauft. Kaffee und Berliner inklusive. Mehr passen einfach nicht in den kleinen, liebevoll dekorierten Saal. Die Nachmittagsvorstellungen sind besonders beliebt, dann kommt man noch im Hellen nach Hause. Auf einer der Sitzungen trägt Pastor Breidenbach einen Überraschungsauftritt bei.

Ich schiebe mich auf den letzten freien Platz. Die Ikeagläser sind mit Hänneschen und Bärbelchen beklebt, über uns baumeln selbstgebastelte Girlanden. Der Käseteller fällt preislich deutlich günstiger aus als im Gürzenich, trotzdem wird nichts dem Zufall überlassen. Waltraud Kantuzer, Mädchen für alles, hat Fotos gemacht, wie die freiwilligen Helfer in der Küche den hausgemachten Kartoffelsalat mit Bockwurst und Petersilienblättchen anzurichten haben. „Erst als Waltraud ein Jahr flach lag, fiel auf, was sie alles noch so macht.“ Ohne die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer geht nichts. Auch die Männer müssen mit ran. „Bis letztes Jahr hat ein Ehemann die Orden geschnitzt, aber der kann das jetzt nicht mehr.“ Deshalb gibt es dieses Jahr einen Orden aus Flönz. Die Akteurinnen verzichten aus Kostengründen auf ihren Orden, für die Liederheftchen gibt es einen geheimen Sponsor. Der Erlös von 4000 € wandert somit komplett an den hiesigen Kindergarten St. Cornelius. 

Einmarsch

Die Präsidentin und ihr Elferrat sind schon auf die Bühne geklettert, weil die Füße nicht mehr so schnell wollen. Im Treppenhaus hinter mir haben sich die restlichen Damen zum Einmarsch versammelt. „Wir haben heut 50 Strüßjer, vier für jeden!“ Waltraud verteilt die Blümchen, die für heute die ortsansässige Physiotherapiepraxis gestiftet hat. 

Jetzt liegen also vier Stunden Programm vor mir. Keine eingekauften Nummern, alles handgeklöppelt. Na dann. Auf dem selbstgebauten Rednerpult prangt das Motto „Mir losse die Puppe danze!“ Hab ich da was verpasst? War das Motto nicht irgendwas mit kölscher Sproch? „Jaja, die vom Festkomitee sind uns einfach zu langsam! Wir treffen uns immer an Karnevalsfreitag um die Sitzung für das kommende Jahr vorzubereiten! Da gibt es noch kein neues Motto! Also erfinden wir einfach unser eigenes!“ 

KFD-Sitzung

Dafür führt die Präsidentin mit astreinem Kölsch durch die Sitzung. Sie ist vorbereitet, keine Frage! Die Strüßjer gehen weg wie warme Semmeln und die Damen der KFD wirbeln zu kölschen Tönen über die Bühne. Ich staune. Ob ich mich in dem Alter noch so bewegen kann? Mir tut ja jetzt schon alles weh. „Wir üben einmal die Woche, bis zu den Sommerferien steht unser Programm.“, erklärt mir Pilar, die ursprünglich aus Chile stammt und über die Kirche zum Karneval kam. Im Herbst geht es dann zum intensiven Tanztraining ins Kardinal Schulte Haus vom Erzbistum. „Die Sitzung ist unser Highlight im Jahr!“ Unglaublich. Der Karneval hält wirklich jung. Und integriert. 

KFD-Sitzung

Nach zehn Minuten gibt es das erste Loch. Aber das stört hier keinen. DJ Willi fährt die Musik hoch, es wird geschunkelt und gesungen. „Jetzt kommt unser Eisbrecher!“, lasse ich mir erklären. Marlies Gummersbach, nächsten Monat 79 Jahre, eben noch als Tänzerin auf der Bühne, muss zwei Stockwerke runter und wieder rauf, um sich für ihre Büttenrede umzuziehen. Und das noch gefühlte 100 Mal an diesem Nachmittag. 

 

Dr Prinz kütt

Dann – und deshalb bin ich eigentlich da – kündigt die Präsidentin eine Überraschung an und überreicht das Mikro an meinen Mann, der sich in den Saal geschummelt hat. „ Das müssen Sie jetzt moderieren, meine Hände zittern zu sehr.“ Mein Mann betritt die Bühne und kündigt zu Ehren der Damen der KFD das Kölner Dreigestirn an. Das Ömchen neben mir krallt sich in meinen Arm, als Prinz, Bauer und Jungfrau samt Adjudantur die kleine Bühne betreten. „Ich dachte, die Damen der KFD spielen das Dreigestirn! Das sind die ja in echt!“ Der kleine Saal steht Kopf. Prinz Marc I. ehrt die Leistung der KFD nicht nur mit dem Auftritt der Tollitäten, sondern zur Freude aller Anwesenden auch mit 200 Piccolöchen. Der Jubel ist groß! 

 

Bauer Markus kann seinen Hut auf der niedrigen Bühne nicht tragen, dafür brechen bei seinem Saxofonspiel alle Dämme. Eifrig werden Tränen getrocknet, die die bunte Schminke verwischen könnte: „Früher bin ich doch immer in den Gürzenich gefahren!“, erklärt mir eine Dame in 4711-Farben, „Aber das kann ich doch nicht mehr! Dass ich das nochmal erleben darf!“ 

Beim Ausmarsch muss ich unzählige Fotos mit den weiblichen Gästen und dem Überraschungsbesuch machen und verspreche Abzüge von den Handyfotos. „Darf ich Sie fragen, woher Ihr Bezug zum Kölner Dreigestirn rührt?“, frage ich eine Dame ganz in rot und wieß. „Bezug?,“ schaut sie mich irritiert an, „ich liebe das Dreigestirn, ich bin e Kölsch Mädchen!“ Das kann wahrscheinlich auch nur eine Sauerländerin fragen. 

 

Für die nächsten 20 Minuten geht hier gar nichts mehr. Alles schnattert durcheinander und vergleicht Fotos. Langsam fangen sich die Gäste wieder. Dann dreht die Dame an der Tür das Ampelmännchen auf grün und weiter geht es in dem vier Stunden-Programm. Eigentlich wollte ich mich ja nach der nächsten Nummer heimlich nach Hause schummeln. Stattdessen schicke ich meinen Mann schonmal zu den Kindern. Ich möchte auf jeden Fall noch bleiben! Ich weiß nicht, was mir am besten gefällt. Die hypochondrische Hummel mit Flugangst oder den Sketch über den Herrn, der im Handyladen seine Schreibmaschine reparieren lassen möchte, weil das „f“ hängt. Oder vielleicht das herrliche Knieballett? Die Darbietungen sind in ihrer Einfachheit perfekt, mitten aus dem Herzen. 

KFD-Sitzung

„Das Kleid kriegt bald Junge, das trägt die jedes Jahr!“, amüsiert sich Marlies köstlich über ihre Bühnenpartnerin. Lange überlege ich, woher ich die Dame in dem grasgrünen Strickleid nur kenne, die als Billa Jedöns so herzerfrischend einen Sketch auf die Bühne zaubert. Bis mir einfällt, dass es die Frau mit dem Hund und dem dunklen Mantel ist, die ich schonmal im Wald treffe und mich immer frage, ob sie alleine ist. Das ist sie nicht. Sie ist in bester Gesellschaft, im besten Alter und bester Laune. Was steckt in uns allen, wenn wir uns trauen? Wenn wir einfach mal Quatsch machen und uns nicht so ernst nehmen? 

Der Besuch des Kölner Dreigestirns war den Damen der KFD eine Ehre und hat sie zu Tränen gerührt. Und würdigt für einen kurzen Moment ihre unbeschreibliche, ehrenamtliche Arbeit für unser Veedel. Und jetzt weiß ich auch, was mir am besten gefallen hat – es ist die pure Lebensfreude der 18 Akteurinnen, wie sie auf der Bühne strahlen und sich an ihren eigenen Darbietung erfreuen. Für das kommenden Jahr kaufe ich mir in jedem Fall eine Karte – wenn ich denn eine ergattern kann… oder mache ich vielleicht sogar mit?