Richtfest der Persiflagewagen des Rosenmontagszuges (Ulla)

In diesem Jahr fand das Richtfest wieder an traditionellem Ort in der Wagenhalle des Festkomitees Kölner Karneval statt. Wie schon in den vergangenen Jahren ist das Sessionsmotto Ausgangspunkt und roter Faden für die Themenauswahl der Persiflagen. Das diesjährige Motto „Wat e Theater – Wat e Jeckespill“ richtet den Fokus auf die Kölner Theaterszene, auf ihre Bedeutung für die Stadt und auch auf ihre Probleme. Dem Motto entsprechend werden mit einer Auswahl verschiedener Theaterstücke und -zitate aktuelle Themen der Stadtgesellschaft sowie der nationalen und internationalen Politik pointiert dargestellt. 

 

Die Menschen hinter den Kulissen

Zu Beginn des Richtfestes ließ Zugleiter Holger Kirsch in einem Zeichentrickfilm 23 der 25 Wagen in einem imaginären Zug vorüberziehen und erläuterte deren Inhalte. Nach diesen ersten Eindrücken vom diesjährigen Zug stellte Holger Kirsch den Gästen alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vor, die an dessen Entstehung und seiner Durchführung beteiligt sind. Neben den Kritzelköpp und den Wagenbauern sind zahlreiche, häufig ehrenamtlich tätige Karnevalisten am Gelingen des Zuges beteiligt. Drei langjährige Mitarbeiter des Rosenmontagszuges zeichnete Holger Kirsch mit besonderen Ehrungen aus.

Besondere Ehrungen

Den Verdienstorden des Festkomitees in Silber erhielt Thomas Felix. Seit 25 Jahren ist er ehrenamtlich in der Zugleitung tätig und erlebt mit Holger Kirsch seinen vierten Zugleiter. Vor allem für die Organisation der im Zug mitziehenden Musikkapellen ist er zuständig.

Holger Kirsch überreichte Harald Michael den Zuglorbeer in Silber für seine Verdienste in der Wagenbauhalle.

Zuglorbeer in Gold

Eine ganz besondere Ehre wurde Herbert Labusga zu teil. Dem Grandseigneur der Wagenbauer überreichte Holger Kirsch sichtlich gerührt den Zuglorbeer in Gold. Mit 85 Jahren beendet Herbert Labusga in dieser Session seine Tätigkeit als Wagenbauer im Kölner Rosenmontagszug. Seit den 1960er-Jahren ist er in diesem Metier tätig. Ihm ist die Realisierung vieler Wagen und Großfiguren zu verdanken. Mit Standing Ovations sprach das Publikum ihm seine Anerkennung für seine großartigen Leistungen aus. Am Rosenmontag wird er erstmalig auf dem Zugleiterwagen mitfahren.

Bis zur feierlichen Öffnung der Wagenhalle und Präsentation der Wagen um 13.30 Uhr gab es Unterhaltung. Thomas Cüpper (et Klimpermännche“) sang kölsche Leeder und Krätzche.

Das „kleine“ und das „große“ Dreigestirn zogen mit ihren Equipen auf. Dann, um 13.30 Uhr, zerschnitt das Kinderdreigestirn unter den Fanfarenklängen der Kölner Ratsbläser das rote Band und das Tor der Wagenhalle öffnete sich. Begrüßt wurde man mit Musik der Band Stadtrand. Die sechs Jungs werden auf einem der Musikwagen im Rosenmontagszug mitfahren.

Die Persiflagewagen

Als sich dann der künstliche Nebel lichtete, empfingen Msgr. Robert Kleine und Pfarrer Ottmar Baumberger das Dreigestirn und die Gäste und sprachen den ökumenischen Segen aus.

Gleich zu Beginn war der Blick frei auf den Wagen „Krieg & Frieden“ (Leo Tolstoi). Die bunte Friedenstaube mit dem Ölzweig im Schnabel und einem bunten Pinsel im rechten Flügel symbolisiert die Farbenfreude, des Friedens und der Freiheit, während der Krieg mit seiner Zerstörung schwarz und düster ist.

Politische Themen

Die internationale Politik wird mit fünf weiteren Wagen thematisiert. Eindrucksvoll und bedrückend ist der Wagen „Willkommen – Bienvenue – Welcome“ (Cabaret). Dichtgedrängt in einem runden Rettungsschlauchboot sitzen Flüchtlinge, die versuchen, über das Meer das sichere Europa zu erreichen. Begrüßt werden sie von einem elegant gekleideten Zauberer mit Zauberstab in der Hand und Monokel am linken Auge. Doch der blaue Zylinder auf seinem Haupt mit den Europa-Sternen und der Aufschrift Frontex zeigt deutlich, dass es sich hier in Wahrheit nicht um ein herzliches Willkommen handelt. Alle Flüchtlinge sind mit echten Kleidungsstücken und Schwimmwesten bekleidet, was die Szenerie umso beklemmender macht.

Mit „To be or Nato be“ (frei nach William Shakespeare Hamlet, Prinz von Dänemark, 3. Aufzug, 1. Szene) wird auf den Wunsch der Ukraine, als Mitglied in die Nato aufgenommen zu werden, angespielt. Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj hält statt eines Totenschädels einen Militärhelm in der Hand und schaut mit fragendem Blick auf diesen.

Der Wagen „Bretter, die die Welt bedeuten“ (Friedrich Schiller: Gedicht „An die Freude“) zeigt drei Despoten – Putin, Xi Jinping und Chamenei – die die Welt und ihre Völker terrorisieren, sodass Blut von der Theaterbühne tropft.

Mit „(Nathan) Kevin der Weise“ (Gotthold Ephraim Lessing) wird auf die möglichen Gefahren mangelnder Schulung des Geistes hingewiesen. Wird es so kommen, dass man statt Hirn lieber Megabytes in den Kopf einsetzt, so wie es „Kevin“ auf dem Wagen zeigt? Die Herausforderungen, die KI mit sich bringt, stellen die Weltgemeinschaft vor neue gesellschaftliche Probleme.

Nationale Probleme

Mit insgesamt elf Wagen werden nationale Themen aufgegriffen. Vor allem die Ampelkoalition ist ein beliebter Gegenstand. So wird in „Der WILLKÜRenRITT“ (frei nach Richard Wagner „Die Walküre“ Orchestervorspiel zum 3. Akt) mit Ricarda Lang und Robert Habeck als Protagonisten die „Heizungsgesetzposse“ dargestellt. Bei „Madame Butterfly“ (Giacomo Puccini) wird Außenministerin Annalena Baerbock als „Elefantendame im Porzellanladen“ gezeigt, wie sie mit ihren wenig geschickten Äußerungen auf dem internationalen Parkett Scherben provoziert. Der Wagen „der Geizige“ (Molière) stellt Finanzminister Christian Lindner als Sparschwein dar. Die so schön gedachte Umwidmung der Coronaschulden wurde vom BGH vereitelt und was nun?

Auch bei „Es ist etwas faul im Staate … (William Shakespeare Hamlet, Prinz von Dänemark, 1. Aufzug) ist die Ampelkoalition Thema. Mit ihrer Politik forciert sie die Zustimmungswerte für die AfD. Rot, Gelb und Grün pumpen die Parteichefin der AfD so kräftig auf, dass man glaubt, sie könne platzen. Mit dem Wagen „der Widerspenstigen (Zähmung) Dehnung“ (William Shakespeare) wird der unglaubliche Spagat der Sahra Wagenknecht beim Stimmenfang zwischen dem linken und rechten Spektrum der Gesellschaft für ihre neue Partei thematisiert.

„Der letzte Vorhang fällt“ weist auf die schlussendlich wenig effektiven Aktionen der „Letzten Generation“ hin. Deren Kampagnen finden in der Gesellschaft nur wenig Rückhalt. Genauso kritisch werden die streikenden Bauern im „Bauerntheater“ gesehen, die mit ihren Aktionen den Verkehr lahmlegten. Mit dem „Bewegungstheater“ wird auf die „grassierende Leistungsallergie“ in den deutschen Landen hingewiesen. Alles, was mit Leistung und Anstrengung zu tun hat, wird in den Müllcontainer gekloppt.

Regional

Von den fünf Wagen, die sich mit städtischen Themen auseinandersetzen, befassen sich zwei mit den Leistungen von Stadtpolitik und Stadtverwaltung der letzten Zeit. Ein „Affentheater“ stellt der Umgang mit verkehrspolitischen Fragen dar. Da wurde vergessen, dass man den zweiten Schritt besser nach dem ersten machen sollte. Die Verkehrswende kann erst gelingen, wenn der ÖVP auch richtig funktioniert.

Ob Bob der Baumeister als „Das Phantom der Oper“ (Andrew Loyd-Webber) in Köln herumgeistern wird, ist noch nicht erkennbar. Die „never ending story“ der Opernsanierung wird doch wohl nicht unendlich bleiben?

Natürlich darf der 1. FC Köln mit seinem „Henneschentheater Saison 23/24“ nicht fehlen. Vielleicht können Speimanes und Tünnes beim Fachkräftemangel im Abstiegskampf des Vereins aushelfen. In diesem Sinne: „Herr Keller die Woosch“!

Mit dem Wagen „Die ganze Stadt ist eine Bühne“ (nach William Shakespeare „Die ganze Welt ist eine Bühne“) verneigen sich die Kritzelköpp und die Wagenbauer vor der unglaublich reichen Theaterszene unserer Stadt. Trotz den großen Hindernissen, denen sie ausgesetzt ist und der Ignoranz städtischer Politik und Verwaltung bringt sie großartige Leistungen hervor.

All diesen negativen und auch schönen Dingen, die zurzeit geschehen, schaut die sich ständig drehende Welt mit einem weinenden und einem lachenden Gesicht auf dem Wagen des Zugleiters zu.

Am Rosenmontag heißt es dann endlich Vorhang auf für Deutschland größtes Freilufttheater.

 

Fotos: @BKB außer Wagen mit Sarah Wagenknecht: ©Joachim Badura