Interview H.-G. Hunold: Wertebasis in neuem Gewand

Fast vier Jahrzehnte hat Heinz-Günter Hunold an verantwortlicher Stelle den Kölner Karneval mitgestaltet. 23 Jahre davon war er Präsident „seiner“ Roten Funken, nun ist er zurückgetreten ins Glied und hat die Verantwortung in jüngere Hände übergeben. Ein „Generationswechsel“, wie er selbst sagt. Die Appsolutjeck-Redakteure sprachen mit ihm über seine Sicht auf den Fastelovend.

Das Jecke BKB Trio

 

 

Karneval sei so etwas wie Psychotheraphie, so Hunold. Wo sonst auf der Welt könne man mal das sein, was man wolle? Wo auf der Welt könne man in Kostüme schlüpfen, ohne direkt in irgendeine Schublade gesteckt zu werden? Wo auf der Welt könne man einfacher seinen Traum leben? Seine Antwort ist eindeutig: Im Kölner Karneval! Auf den Sitzungen der Roten Funken hat er diese Freiheit immer hochgehalten: „Hey Leute, die Sorgen bleiben heute draußen. Hier ist jetzt mal für vier, fünf Stunden Feierabend. Hier heißt es jetzt ‚sehr zum Wohle´!“

Jugendliche

Angesprochen auf die Entwicklung hin zum Partykarneval hält Hunold entgegen, dass er nicht glaube, wir hätten das Recht, Karneval allein zu definieren. „Wir haben kein Konzept, Menschen einer anderen Altersklasse abzuholen.“ Eine Menge junger Leute feiere orientierungslos, weil sie ja gar nicht wüssten, was Karneval ist. So reduziere sich vieles auf den Wunsch nach dem schlichten Rausch. Der sei aber auch ein Ausdruck der Sehnsüchte, die gerade bei Heranwachsenden entstünden. Will man die Auswüchse auf der Zülpicher oder in der Altstadt eindämmen, helfen auch keine noch so guten Ordnungskonzepte, über die die Stadt Köln ja durchaus verfüge. Absperrungen, Einlasskontrollen, Einschränkungen im Alkoholangebot seien bei der großen Anzahl von jungen Menschen nur begrenzt wirksam. Zumal man an der nächsten Ecke genügend Kioske fände, die mit Alkoholpops bis unter die Decke beladen seien. 

1823 Party der Rote Funken

Was könnte helfen?

Wir bräuchten, so Hunold, richtig gute Konzepte, um ohne Selbstherrlichkeit auf die Jugendlichen zuzugehen. Wir müssten lernen zu sehen, wo die Probleme seien und dann die Menschen mitnehmen. Der Fastelovend sei gerade in unserer so orientierungslos gewordenen Zeit ein unglaubliches Kapital. Die Tradition könne ein „Geländer“ sein an dem man sich festhält, sie könne „Orientierung“ geben. Und es gäbe ja auch schon sichtbare Ansätze der Weiterentwicklung die zeigen, dass die Gesellschaften diese Aufgabe auch so sehen.

Traditionen wandelten sich, so Hunold, man müsse aber in dem „neuen Gewand“ noch die gleiche Wertebasis erkennen. Für ihn sei das Grundprinzip der ELF: Egalité, Liberté, Fraternité. Miteinander, nicht gegeneinander, darauf komme es an. Dann könne Karneval durchaus ein Gegenentwurf zur Abgrenzung sein, die wir zunehmend im gesellschaftlichen Alltag erlebten:„Lasst uns gemeinsam feiern, das gibt Kraft“!

Kulturaustausch

Im Karneval zeige sich auch ein ganz anderes Bild von den Deutschen. Anders, als man es eigentlich draußen in der Welt von uns gewohnt sei. Die vielen Auslandsreisen seines Korps nach China, Kuba, Amerika, Honkong, Japan oder Brasilien sieht Hunold als nachhaltigen „Kulturaustausch“. Der Kölner Karneval sei ein „Exportschlager“, so Hunold. Selbst nach dreizehn Jahren erinnere er sich noch gern daran, wie am Ende des Besuchs der Roten Funken in Peking die „Chinesen gewibbelt haben, weil sie einfach den Spass verstanden. So geht Völkerverständigung.“ Und Hunold sieht dabei die politsche Dimension solcher Reisen: „Wenn das die anderen, die an der Spitze der Parlamente stehen, nicht tun, dann können wir als einfache Bürger auch mal sagen, dann tun wir es eben.“

Dass Hunold mit der Aufgabe seines Amtes bei den Roten Funken nun dem Karneval ade sagt, kann man sich nicht vorstellen. Auch er kann das nicht. Für ihn ist das lediglich eine Rollenänderung, in der er eher im Hintergrund wirken wird, im beruflichen wie im Karneval. Natürlich sei das eine Herausforderung, er sei aber zuversichtlich, dass das klappt. Und wenn es denn mal nicht so einfach gehen wird, habe er ja immer noch die Psychotherapie des Karnevals. Die werde schon helfen zu verarbeiten, was da kommen mag.

Bildnachweis: Foto Plaggeköpp©J.Badura; Foto 1823 Party @Vera Drewke, alle anderen Fotos©BKB