Wo bleiben die Frauen im Brauchtum?

In diesem Jahr feiert der Kölner Frauengeschichtsverein sein 40-jähriges Bestehen. Anlässlich dieses Jubiläums bietet der Verein ein vielfältiges Programm mit Veranstaltungen, in denen unterschiedlichste Themen von, für und über Frauen behandelt werden.

Ein besonderes Thema, das gerade in Köln von großer Bedeutung ist, betrifft die Rolle der Frauen im Kölner Karneval.

Dr. Christiane Hoffrath und Monika Salchert widmeten sich der Frage „Wo bleiben die Frauen im Brauchtum?“ mit großem Sachverstand, akribischer Recherche und einem guten Schuss Humor.

Trotz der großen Hitze war die Gaststätte Weißer Holunder bis auf den letzten Platz besetzt, und an der Theke herrschte dichtes Gedränge. Das Publikum folgte gespannt den beiden Protagonistinnen, die als Billa von der Üleporz (Christiane Hoffrath) und Henni von Wittgenstein (Monika Salchert) immer wieder in die Rolle von Karnevalistinnen schlüpften. In kurzen Sketchen spielten sie die Gründung des „Festordnenden Comitées“ im Jahr 1823 sowie die Entwicklung des Kölner Karnevals im Laufe der Jahre aus der Perspektive der Frauen nach. Dabei drehten sie den Spieß um und ließen keinerlei männliche Aspekte in ihrem „Festordnenden Comitée“ und in den einzelnen Gesellschaften zu. So verdeutlichten sie eindrucksvoll, wie einengend und erdrückend es sein kann, wenn alles auf ein einziges Geschlecht beschränkt wird.

Jedem dieser Sketche folgte eine ausführliche Erläuterung, welche Rolle Frauen in den jeweiligen Situationen zukam. Christiane Hoffrath und Monika Salchert hatten bei ihrer Recherche genau herausgearbeitet, wie minutiös die Männer vorgingen, um den Frauen den Zugang zum offiziellen Karneval zu versperren.

Frauen im Karneval: Erst spät offiziell dabei

Im Jahr 1823 durften Frauen, abgesehen von den Mitgliedern der Tanzgruppe „Hellige Knäächte un Mägde“, lediglich die Bälle besuchen; die Teilnahme an Umzügen sowie die Mitgliedschaft in den Gesellschaften blieb ihnen verwehrt. Vor dem Hintergrund der damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ist dies nachvollziehbar, da die rechtliche Stellung der Frauen jener eines unmündigen Wesens entsprach. Weniger verständlich ist jedoch, dass Frauen bis weit in die 1970er Jahre hinein beim Rosenmontagszug nicht willkommen waren. Abgesehen von Tänzerinnen der Tanzgruppen, den Tanzmariechen und einigen prominenten Frauen war es unerwünscht, dass Frauen im Zug mitgingen. Christiane Hoffrath und Monika Salchert fanden bei ihren Recherchen interessante Argumente für den Ausschluss von Frauen: So sei in den Kleiderkammern nicht genügend Platz für Frauenkleider vorhanden, oder der Zug würde dadurch zu lang. Besonders pikant ist die folgende Begründung für den Ausschluss: Da im Zug getrunken werde, wäre der Anblick einer betrunkenen Frau viel „widdeliger“ als der eines angeheiterten Mannes, und das wolle niemand im Fernsehen sehen.

Ab 1978 nahmen 400 Frauen am Rosenmontagszug teil. Heute sind von den etwa 12.000 Teilnehmern rund die Hälfte Frauen.

Tanzmariechen und Griet: Frauenrollen im Kölner Karneval

Auch in anderen Bereichen des offiziellen Karnevals öffnete sich der Zugang für Frauen nur langsam. Erst seit 1951 wird die Griet beim Reiter-Korps „Jan von Werth“ von 1925 e. V. von einer Frau verkörpert. Gisela Osterkorn trat als erste Frau an der Seite ihres Ehemanns Lutz als Griet auf. Zudem wurde das Tanzmariechen der Traditionskorps bis in die Zeit des Nationalsozialismus überwiegend von Männern dargestellt. Eine Ausnahme bildete Kläre Weiglein: Von 1925 bis 1927 war sie die erste Regimentstochter der Ehrengarde der Stadt Köln 1902 e. V. Im Rosenmontagszug 1927 zog sie an der Seite des Tanzoffiziers Fritz Sonnenberg durch Köln.

Dass ab 1938 nur noch Frauen als Funkemariechen tanzten, war kein emanzipatorisches Zeichen, sondern resultierte aus der homophoben Haltung der Nazis.

Bis heute sind die Tanzmariechen keine Mitglieder der Korps und müssen diese mit dem Ende ihrer aktiven Zeit verlassen. Gleiches gilt für die Mädchen der Kindertanzgruppen der Garden: Erreichen sie das Jugendalter, scheiden sie aus der Tanzgruppe aus, während die Jungen weiterhin im Korps bleiben dürfen.

Zum Thema Frauen und Sitzungen präsentierten Christiane Hoffrath und Monika Salchert weitere bemerkenswerte Erkenntnisse. Ursprünglich war es Frauen nicht erlaubt, an Sitzungen teilzunehmen. Nur die Kölner Narren-Zunft von 1880 und die KG Carnevalistischer Reichstag gestatteten Frauen die Teilnahme an ihren Sitzungen. Dies führte 1888 zu einer Beschwerde beim Kölner Oberbürgermeister und die anderen Gesellschaften betrachteten die beiden als nicht gleichwertig.

Frauen auf der Bühne

Frauen traten als aktive Teilnehmerinnen in den Sitzungen eher selten auf. Auch heute noch sind sie in der Minderheit. Eine Ausnahme bildete Grete Fluss. 1907 trat sie erstmals im Kölner Karneval auf und war ab 1910 regelmäßig in der Bütt zu sehen, wo sie verschiedene Rollen verkörperte, darunter das „Blitzmädel“, die „Küchenfee“, die „Straßenbahnschaffnerin“ und das „Schutzweib“. 1930 spielte sie in der Revue „Die Fastelovendprinzessin“ die Hauptrolle. Willi Ostermann schrieb dafür das heute noch beliebte Lied „Och, wat wor dat fröher schön en Colonia“.

Ab 1920 trat Gerti Ransohoff im Kölner Karneval auf und erzielte beachtlichen Erfolg. Sie arbeitete eng mit dem jüdischen Autor, Sänger und Büttenredner Hans David Tobar zusammen, der ihre Reden für sie verfasste. Wegen der zunehmenden Repressalien der NSDAP beging zuerst ihr jüdischer Mann Selbstmord, und wenige Tage später nahm sich auch sie im Jahr 1932 das Leben.

Bis 1933 war die 1896 in Köln geborene Jüdin Rosel Rutkowsky eine bekannte Unterhaltungskünstlerin. Im Karneval trat sie als rheinische Stimmungssängerin auf und spielte Rollen in den Karnevalsrevuen von Hans David Tobar. 1938 floh sie gemeinsam mit ihrem Mann vor den Nationalsozialisten in die USA. Seit 2024 verleiht der jüdische Karnevalsverein „Kölsche Kippa Köpp“ die Rosel-Rutkowsky-Medaille an Menschen, die sich besonders gegen Judenhass einsetzen und ein gesellschaftliches Miteinander fördern.

Ehrung für Christoph Kuckelkorn der Kölschen Kippa Köpp

Das Amt der Sitzungspräsidentin wird selten von Frauen ausgeübt und wenn, dann meist im alternativen Karneval. Beispiele dafür sind Biggi Wanninger bei der Stunksitzung, Carolin Kebekus bei Deine Sitzung sowie Katja Solange Wiesner und Myriam Chebabi bei der Immisitzung.

Stunksitzung 2020

Mag man glauben, die Situation der weiblichen Akteure im Kölner Karneval habe sich nach dem Zweiten Weltkrieg und in jüngerer Zeit grundlegend verändert, liegt man falsch.

Herzensbilder Joachim Rieger Marita Köllner

Zwar lassen sich große Namen wie Trude Herr, Marie Luise Nikuta, Renate Fuchs (Callas von Niehl), Marita Köllner (Et fussich Julche), Hella von Sinnen (Putzfrau Schmitz), Annette Eßer (Achnes Kasulke) oder Ingrid Kühne nennen, doch häufig wandten sie dem Karneval nach einiger Zeit den Rücken zu. Schon immer hatten und haben Frauen einen schweren Stand in dieser Branche.

Ähnlich verhält es sich bei den Bands. Mit Mätropolis und BeerBitches sowie Kempes Finest stehen zwar Frauen an der „Front“, doch ihre Präsenz ist nach wie vor eine Ausnahme.

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Damengesellschaften erobern den Kölner Karneval

Regelrecht eine Sensation war es, als sich 1999 die erste Kölner Damengesellschaft Colombina Colonia e. V. gründete. Manche Männer im offiziellen Karneval betrachteten diese Gründung als Eintagsfliege, da sie den Frauen die Fähigkeit zur Organisation eines Vereins absprachen. Doch bald folgten weitere Damengesellschaften wie die Schmuckstückchen 2008 e. V., die 1. Kölsche Aape-Sitzung e. V., die KG De Kölsche Madämcher und die 1. Damengarde Coeln 2014 e. V.

Damengarde Köln 2025

(c) by Vera Drewke

Warum gibt es noch kein weibliches Kölner Dreigestirn?

Die wohl drängendste Frage, der Christiane Hoffrath und Monika Salchert nachgingen, lautet: Wann wird es endlich ein Kölner Dreigestirn mit Damen geben?

Bei der Gründung des „Festordnenden Comitées“ stand an der Spitze des Umzugs der Held Carneval, der mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 zum Prinzen Karneval wurde. Gelegentlich wurde er von der Prinzessin Venetia begleitet. Seit 1870 gibt es das Dreigestirn als Einheit, bestehend aus Prinz Karneval, Bauer und Jungfrau. Der Prinz ist der oberste Repräsentant des Karnevals. Für die Wehrhaftigkeit der Stadt steht der Bauer, ausgestattet mit den Stadtschlüsseln und dem Dreschflegel. Die Jungfrau wird als die „Mutter Colonia“ verstanden und gilt als Beschützerin Kölns. Ihre Mauerkrone symbolisiert die mittelalterliche Stadtmauer, die Köln über Jahrhunderte beschützt hat. Ihr Kostüm, das an römische Gewänder angelehnt ist, soll an die Stadtgründerin, Kaiserin Agrippina, erinnern. Wie die anderen Mitglieder des Dreigestirns wird auch die Jungfrau seit dem 19. Jahrhundert von einem Mann dargestellt. Ausnahmen gab es nur während der Zeit des nationalsozialistischen Regimes, als die Jungfrau von einer Frau verkörpert wurde. Auch hier spielten, ähnlich wie bei den Funkemariechen, homophobe Gründe eine Rolle. 1938 übernahm Paula Zapf als erste weibliche Jungfrau im Dreigestirn diese Rolle. 1939 folgte Else Horion nach. Die Jungfrau des Jahres 1940, Elfriede Figge, konnte ihr Amt wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges nur bei einer einzigen Veranstaltung ausüben.

Nach dem Krieg wurde das Dreigestirn wieder ausschließlich von Männern verkörpert, während die Funkemariechen weiterhin von Frauen dargestellt wurden.

Die Satzung des Festkomitees Kölner Karneval schreibt für die Besetzung des Dreigestirns keine geschlechtliche Vorgabe vor. Es gab Bewerbungen aus den Damengesellschaften, dennoch entsteht der Eindruck, dass Frauen im Dreigestirn nicht erwünscht sind. Ein Mitglied des Festkomitees brachte es einmal folgendermaßen auf den Punkt: „Am Ende müsste dieses erste weibliche Dreigestirn natürlich auch besser sein, als dann die Männer zuvor. Weil, jeder würde sonst sagen: ‚Ja klar, das sind ja Frauen.‘ Und genau das wollen wir nicht.“

Monika Salchert und Christiane Hoffrath erinnern daran, dass beinahe jeder Prinz Karneval berichtet, schon als kleiner Junge davon geträumt zu haben, „eimol Prinz zo sin“. Und wie steht es mit den Mädchen? Zurecht sagten sie abschließend: „Tradition muss wachsen, aber irgendwann muss man damit anfangen!“

 

 

Bildnachweis: Fotos Weißer Holunder ©BKB/Dr. Ulla Weber-Woelk, Gisela und Lutz Osterkorn, Jan und Griet 1951, ©Reiter-Korps Jan van Werth, Gerti Ransoroff 1930, ©NRhZ-Online, Grete Fluss (1892-1964), ©Archivfoto KStA, Jungfrau Paula Zapf und Bauer Johannes Wiesbaum 1918, Festkomitee Kölner Karneval, Kläre Weiglein, als Regimentstochter©Ehrengarde der Stadt Köln, Rosel Rutkowsky ©Kölsche Kippa Köpp, Foto Ehrung Christoph Kuckrelkorn © BKB, Fotos Stunksitzung, Damengarde @ BKB/Vera Drewke, Fotos Marita Köllner, Colombinen @BKB/Jachim Rieger, Foto Kempes Finest @BKB/Nicci Haumann